DIE UNVERSÖHNLICHE ⎮ UNFORGIVING
Spielfilm 2010/2011 - Melodrama 90 min. - gefördert mit Mitteln des BKM - Regie & Buch Felix Hassenfratz - in Entwicklung
Prämisse
Maria, ein junges Mädchen von 17 Jahren,
ist gefangen in einer Familie, die von der Gewalt des
Vaters gegenüber der Mutter dominiert wird. Die Mutter, die
alles erträgt, und dennoch zu ihrem Mann hält, hasst Maria
für ihre Duldsamkeit und liebt sie zugleich. Vielleicht, um
die Mutter zu befreien, sicher jedoch, um selbst frei zu
sein, beschuldigt Maria ihren Vater des Missbrauchs an ihr.
Der Vater wird verhaftet, doch anstatt ihre Mutter zu
retten, zerbricht daran die Familie und mit ihr ein ganzes
Dorf. Und Maria findet sich in der Situation wieder, in der
Alle ihr glauben schenken bis auf ihre eigene Mutter - in
der Alle ihr glauben wollen, glauben müssen, weil endlich
einmal ein Opfer das Schweigen bricht. Und Maria sieht sich
erneut gefangen - in ihren eigenen Lügen, denen sie nicht
mehr entkommen kann.
Regiestatement
Das Tragische ist ja, dass der Vorwurf des
Missbrauchs sehr oft instrumentalisiert wird - z.B. in
einem Sorgerechtsstreit, bei Scheidungen, zwischen
Jugendlichen und ihren Eltern. Sozialarbeiter berichten von
einem massiven Anstieg dieser falschen Beschuldigungen. Und
das ist umso tragischer, als dass dem immer noch eine sehr
hohe Dunkelziffer von realen Missbrauchsfällen
gegenübersteht, die niemals zur Anzeige gebracht werden.
Oft gerade aus dem Grund heraus, dass die Opfer Angst haben
vor der Öffentlichkeit, Angst, dass ihnen nicht geglaubt
wird.
So stehen sich zwei Dinge gegenüber - zum einen eine
zunehmend sexualisierte Welt der Jugendlichen, in denen es
kaum Tabus gibt, und in der gerade durch diese scheinbare
Tabulosigkeit eine große Scham existiert - einer Scham aus
Mangel an Zwischenmenschlichkeit, an Werten und Vorbildern
- eine Scham der Schamlosigkeit. Auf der anderen Seite
steht das Schweigen, über Erlebtes, für das es keine
Sprache gibt.
Wenn wir jetzt die öffentliche Debatte um
den Missbrauch in Internaten wie der Odenwaldschule und in
Einrichtungen der Kirche durch Priester führen, wenn wir
uns mit der sexuellen Gewalt in solchen in sich
geschlossenen Systemen beschäftigen, dann dürfen wir nicht
vergessen, dass auch die Familie ein solches System ist,
das stärkste vielleicht, und dass es oft solche
geschlossenen Systeme sind, die Missbrauch hervorbringen -
ob sexuell, psychisch oder durch körperliche Gewalt. Und
diese Frage stellt ja dann ganz grundsätzlich die Frage
nach der Basis menschlichen Zusammenlebens.
Erschreckend ist zugleich, dass durch genau diese beiden
Aspekte - der hohen Dunkelziffer realen Missbrauchs - und
einer sexualisierten Welt, in der der Vorwurf des
Missbrauchs instrumentalisiert wird - dass dieses doppelte
Tabu sich gegenseitig verstärkt - dass also realer
Missbrauch und behaupteter Missbrauch zwei Perspektiven auf
ein und dasselbe System sind.
Unser Sozialstaat versucht dem zu begegnen mit einem
eigenen System aus Sozialarbeitern und Pädagogen, aus
Schulpsychologen und Präventivprogrammen. Das ist wichtig
und ehrenwert und der richtige Ansatz - aber solange das
Thema Missbrauch ein Tabu ist,weil es uns an einem Diskurs,
einer Sprache darüber, fehlt, krankt das System daran, dass
jene, die missbraucht wurden, weiter schweigen in
Sprachlosigkeit - und von anderen genau jene
Sprachlosigkeit selbst missbraucht werden kann, durch die
reine Macht der Worte.
Ich habe viele Fälle dieser Art
recherchiert, und es ist erschreckend, wie leicht der reine
Vorwurf des Missbrauchs den sozialen Ruf eines Menschen für
immer ruinieren kann - und ihn im schlimmsten Fall hinter
Gitter bringt. Und dem gegenüber stehen viele Opfer, die
nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten, das erste Mal über
einen realen Missbrauch sprechen und denen nicht geglaubt
wird - in einem System, wie in einer Familie oder einem
Internat. Aber das Problem bleibt nicht dort allein, wir
leben in einer Gesellschaft der existenten Schweigespirale,
die sich um das Tabu des Missbrauchs immerzu dreht, atemlos
und brausend still.
